Das Recht auf Unglücklichsein und der Umgang mit schwierigen Zeiten

Gestern war nicht nur Frühlingsanfang, sondern auch Weltglückstag. Initiiert von dem kleinen südasiatischen Königreich Buthan wurde er 2012 von der UNO beschlossen und seit 2013 jedes Jahr gefeiert. Die UNO will mit diesem Tag daran erinnern, „welche Bedeutung Glück und Wohlergehen als Ziel im Leben der Menschen haben“.

In den Medien war unter Überschriften wie „Was ist eigentlich Glück?“ oder „Mit diesen 10 Ideen helfen Sie dem Glück auf die Sprünge“ zu lesen, was sich hinter dem Wort „Glück“ verbirgt, in welchem Land die Menschen laut Statistik am glücklichsten sind und was jeder selbst dazu beitragen kann, um glücklich(er) zu werden.  Auch ich habe mich in diesem Blog ja schon das eine oder andere vor allem zu dem letzt genannten Punkt geäußert (z.B. in meinen Denkanstößen „Geschenkidee zu Weihnachten“ oder „Einfach glücklich sein“).

In der gestrigen Diskussion erregte dann allerdings ein Beitrag meine Aufmerksamkeit, der in eine etwas andere Richtung ging. Auf Radio 1 sprachen die Moderatoren mit dem Psychotherapeuten Arnold Retzer über sein Buch: „Miese Stimmung: Eine Streitschrift gegen positives Denken“. Im Interview plädiert Retzer für das „Recht auf Unglücklichsein“ und gibt zu Bedenken, wie das ständige Reden von der Notwendigkeit des Glücklichseins und wie jeder selbst in dieser Hinsicht aktiv werden könne, Menschen, die sich mit dem Glücklichsein schwer tun, auch unter Druck setze und geradezu unglücklich machen könne. Er erinnert daran, dass es im Leben eben nicht nur schöne und glückliche Tage gäbe und dass es dazu gehöre, eben auch mal unglücklich und schlecht drauf zu sein – kein Grund, sich dafür zu schämen oder sich gar schuldig zu fühlen. Das Geheimnis eines erfolgreichen und guten Lebens sei vielmehr, „auf das Glück zu pfeiffen“: nicht krampfhaft zu versuchen es herzustellen, sondern es zu nehmen, wenn es (manchmal ganz unvermutet) da ist und zu akzeptieren, dass es sich dann auch wieder davonmacht.

Ein spannender Gedanke und sehr entlastend: Ich kann und MUSS gar nicht (immer) glücklich sein! Hauptsache vielleicht, ich werde v.a. auf Dauer nicht allzu unglücklich. Dafür scheint es mir wichtig, einen Weg zu finden, mit schwierigen Zeiten in meinem Leben so umzugehen, dass ich dabei nicht unter die Räder komme oder daran zerbreche. Hilfreich für einen solchen guten Umgang könnten z.B. die folgenden Fragen sein:

  • Welche Bedeutung wird das, was ich gerade erlebe, in 5, 10, 20 Jahren für mich haben?
  • Was könnte das Gute an dieser Sache sein?
  • Was kann ich in und aus dieser Situation lernen?

Natürlich ändere ich mit diesen Fragen nicht die Situation selbst und löse keines der Probleme, mit denen ich zu kämpfen habe. Aber vielleicht verhelfen sie zu etwas mehr Abstand und Gelassenheit – was nicht heißt, dass ich gleich glücklich damit werden muss.

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