Schuld oder nicht schuld

Welchen Sinn Schuldzuweisungen machen.

Neulich telefonieret ich mit einem Freund. Er ist geschäftstführender Vorstand einer Schule in Freier Trägerschaft und beklagte sich, dass ihn Eltern und PädagogInnen ständig für alles Mögliche, was an der Schule grad nicht gut lief, verantwortlich machten und ihm dafür die Schuld gäben. Wie solle er mit diesen Vorwürfen umgehen? Schuld oder nicht schuld

Ich erzählte ihm daraufhin von Chris Pauls* Theorie der „instrumentelle Schuldzuweisungen“. Nach diesem Konzept werden Schuldzuweisungen oft als Instrument eingesetzt, um existentielle Not zu lindern und existentielle Grundbedürfnisse zu befriedigen. Sie dienen in diesen Fällen dazu

  • Erklärungen und Zusammenhängen  zu schaffen – um verstehen zu können
  • das subjektive Gefühl von Handlungsfähigkeit und Einflussnahmemöglichkeiten herzustellen – um sich nicht ohnmächtig und ausgeliefert zu fühlen.

Außerdem sind sie von Bedeutung

  • als Möglichkeit, mit jemandem verbunden zu sein (auch mit dem Beschuldigten)
  • als Ventil bei akuter Überforderung
  • als Platzhalter für andere, als unerträglich empfundene Gefühle und Gedanken
  • als Lebensmuster (Für manche besteht die Welt und jedes Geschehen darin aus Tätern und Opfern).

Ein Beispiel dazu aus meinem Bekanntenkreis:

Wenn ein Vater sich die Schuld am Unfall-Tod seiner Tochter gibt, weil er ihr erlaubt hat, mit der Mutter ihrer Freundin im Auto von X nach Y zu fahren, dann tut er das vermutlich weil,

  1. der (an sich unbegreifliche) Tod seiner Tochter dadurch für ihn verstehbar wird (Ich habe das und das gemacht, und das hatte die und die Folge und deshalb …)
  2. er sich damit – in Anbetracht der Tatsache, den Tod seiner Tochter nicht verhindert haben zu können – das Gefühl gibt, etwas hätte doch in seiner Macht gestanden. (Das Schuldgefühl ist besser auszuhalten als das Gefühl von Ohnmacht. Täter-Sein ist manchmal leichter zu ertragen als Opfer-Sein)

Neben den instrumentellen gibt es übrigens auch die „normativen Schuldzuweisungen“.  Diese entstehen aus einem subjektiv wahrgenommenen Normbruch. Als Teil einer Gemeinschaft machen wir uns schuldig, wenn wir gegen eine kollektive Regel (geschriebene und ungeschriebende Gesetze) verstoßen. Uns kann aber auch Schuld zugewiesen werden, wenn wir eine Regel aus dem individuellen Regelwerk eines anderen Menschen (dazu gehören Glaubensätzte, verinnerlichte Normen etc.) übertreten – egal, ob wir diese Regel überhaupt kennen oder sie mit unserem eigenen Regelwerk vereinbar ist oder nicht.

Ich empfahl meinem Freund, einmal bei jeder ihm gegenüber erhobenen Schuldzuweisung zu überlegen, die Befriedigung welches (Grund-) Bedürfnisses (instrumentelle Schuldzuweisung) bei der jeweiligen Person wohl dahinter stehen mag ODER welche individuelle oder kollektive Regel (normative Schuldzuweisung) er evt. übertreten hat, womöglich ohne es zu wissen. Wahrscheinlich würde er immer irgendwas finden, was zu dem einen oder zu dem anderen passt. Eine andere Frage sei allerdings, ob es mit einem tatäschlichen Versäumnis oder Fehlverhalten seinerseits zu tun hat …

Schuld und AusgleichUm den „Sinn“ von Schuldzuweisungen zu verstehen, ist noch wichtig zu wissen: Immer, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät, Menschen in eine Krise kommen, werden Schuldzusammenhänge hergestellt und jemandem (oder etwas) wird die Schuld zugewiesen, denn das gibt Halt und Orientierung.
Die Handlungen, die dann aus dem so konstruierten Schuldzusammenhang folgen (Strafe und Buße), dienen einem Freiwerden von Schuld – also letztlich einem Ausgleich. Sie stellen somit den Versuch dar, das Gleichgewicht wiederherzustellen.

 

 

Erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang außerdem die Unterscheidung von Verantwortung und Schuld.
Verantwortlich-Sein heißt: Ich habe etwas getan und muss die Folgen tragen.
Schuld-Sein heißt: Ich hab etwas (Falsches) getan oder versäumt und muss die entprechende Bestrafung auf mich nehmen.

Hieraus resultierte eine weitere Empfehlung an meinem Freund: Vielleicht ist es sinnvoll zu schauen, an welcher Stelle er als Chef zwar verantwortlich, aber nicht schuldig ist bzw. sein will. Und wo er Verantwortung ggf. abgeben oder teilen will, kann, sollte, damit er nicht allein die Folgen tragen muss …

Abschließend – und durchaus zur Entlastung gedacht – ist zum Thema Schuld zu sagen: Schuld ist (laut Heidegger) untrennbar verbunden mit der menschlichen Existenz. Niemand existiert, ohne sich schuldig zu machen. Egal also, was wir tun, arbeiten oder wie wir leben: Schuldig sind und machen wir uns immer.

Wie man mit der Schuldfrage allerdings auch umgehen kann, zeigt die foglende Geschichte:

 

Die Schuldfrage

Der Meister ging eine Straße entlang.

Plötzlich stürzte ein Mann aus einem Hauseingang, so dass die beiden heftig gegeneinanderprallten.

Der Mann war furchtbar wütend, schrie und schimpfte und beleidigte den Meister.

Daraufhin verbeugte sich der Meister mit einem milden Lächeln und sprach: „Ich weiß nicht, wer von uns an dem Zusammenstoß die Schuld trägt. Ich bin aber auch nicht gewillt, meine kostbare Zeit mit der Beantwortung dieser Frage zu vergeuden. Deshalb: Wenn ich die Schuld trage, entschuldige ich mich hiermit und bitte Sie für meine Unachtsamkeit um Verzeihung. Falls Sie der Schuldige waren, können Sie die Sache einfach vergessen.“

Er verbeugte sich noch einmal und ging mit einem Lächeln im Gesicht seines Weges.

(aus Mello, Anthony de: Eine Minute Unsinn, Weisheitsgeschichten, Herder, 2005.)

 

* Chris Paul, Schuld – Macht – Sinn: Arbeitsbuch für die Begleitung von Schuldfragen im Trauerprozess. Gütersloh 2010.

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