Verlorene Hoffnung

Vor kurzem war es mal wieder soweit: Eines unserer Fahrräder wurde gestohlen. Das passiert hier in Potsdam mit so schöner Regelmässigkeit, dass es den meisten Betroffenen inzwischen nur noch ein resigniertes Schulterzucken entlockt.

Interessanterweise gingen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass das Gefährt den Besitzer gewechselt hatte und kamen nicht auf die Idee, z.B. im Fundbüro nachzufragen. Dies taten wir erst, nachdem wir eine Bestätigung für die Versicherung brauchten, dass tatsächlich niemand es gefunden und dort abgegeben hatte. Wäre ja auch zu schön gewesen.

Dennoch fiel mir in diesem Zusammenhang eine Geschichte ein, die schon seit vielen Jahren in meiner Sammlung ist. Vielleicht lohnt es sich ja doch, immer mal wieder im Fundbüro vorbeizuschauen – auf der Suche nach verlorenen Dingen, verlorener Hoffnung, verlorenen Träumen ..?

 

Im Fundbüro

Eines Tages stand die Hoffnung vor dem Schalter des Fundbüros.

„Hier sammeln Sie doch Dinge, die verloren wurden, richtig?“ fragte die Hoffnung.

Der Mann am Schalter nickte.

„Gut, dann bin ich hier richtig – man hat mich verloren.“

Fundbüro

„Aber“, sagte der Mann am Schalter, „es kommen nicht viele Menschen ins Fundbüro.“

„Selbst dann nicht, wenn sie etwas vermissen?“

„Selbst dann nicht.“

„Obwohl alle wissen, dass Verlorenes hier aufbewahrt wird?“

„Ja, obwohl sie das wissen.“

„Aber warum denn nicht?“, fragte die Hoffnung.

„Tja“, sagte der Mann, „das liegt wahrscheinlich daran, dass die Menschen die Hoffnung verloren haben, dass jemand das Verlorene abgeben wird.“

(Konnerth, Tatjan: Aus der Schatzkiste des Lebens, Herder2, 2008.)

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