Der Grenzfall im Alltäglichen

Lichtgrenze, draufblick-potsdam
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Am letzten Wochenende leitete ich zusammen mit einer Kollegin eine Fortbildung zum Thema „Meine Grenzen“. Diese endete passenderweise an jenem historischen Datum, an dem 25 Jahre zuvor der Fall einer Grenze das Leben so vieler Menschen entscheidend verändert hat. Am Grenzübergang Bornholmer Straße wurde der aus der Gestalttherapie kommende  Satz „Kontakt findet an der Grenze statt“, auf eine sehr besondere Weise erlebte Wirklichkeit. Angestoßen von Günther Schabowskis Pressemitteilung und bestärkt von Hanns Joachim Friedrichs „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“ in den Tagesthemen wagten sich die DDR-Bürgerinnen und -Bürger an die Grenze, warteten auf ihre Öffnung und kamen dabei nicht nur miteinander ins Gespräch und in Kontakt, sondern auch mit den Grenzsoldaten. Etwas bis dahin nahezu Unvorstellbares geschah. Eine Grenze, an der 28 Jahre festgehalten und die mit allen Mitteln geschützt und verteidigt wurde, wurde plötzlich durchlässig und verschwand später gänzlich. Ein bedeutsames Ereignis, an das am letzten Sonntag mit der enstandenen und sich dann wieder auflösenden „Lichtgrenze“ auf eindrückliche Weise erinnert wurde.

In der besagten Fortbildung baten wir die TeilnehmerInnen zu versuchen, mit Hilfe verschiedener Hilfsmittel (Seile, Steine, Tücher, Muscheln, Papier, Postkarten…) ihre ganz eigene(n) innere(n) Grenze(n) darzustellen und dabei zu schauen: Wieviel Raum brauche ich für mich? Wo ist meine Grenze starr und wo flexibell und offen? Welche Grenzüberschreitungen lasse ich zu und wie geht es mir damit? Wo will ich meine Grenze einreißen, wo verstärken? Wie erhofft enstanden dabei ganz individuelle „Grenzbilder“, wie z.B. diese:

Die Beteiligung eines Teilnehmers an der Übung sah dann allerdings so aus, dass er sich einen Stuhl an die Wand rückte und darauf Platz nahm. Fertig. Das wirkte im ersten Moment nicht nur auf mich wie eine Provoakation. Als wir aber bei unserem Rundgang von einem Grenzbild zum nächsten das seine erreichten, fand ich seine Erklärung durchaus akzeptabel: Ich will mich nicht von vornherein auf einen bestimmten Grenzverlauf festlegen, sondern immer erst in der jeweiligen Situation, in der aktuellen Begegnung.

Natürlich ist ein solche Entscheidung, im Vorfeld keine Grenze zu ziehen, einerseits in ihrer Umsetzbarkeit zu hinterfragen und andererseits selbst schon eine Art der Grenzziehung und Abgrenzung. Sie führte auch innerhalb unserer Gruppe zu einer regen Diskussion – also zu Kontakt, Austausch und Begegnung, zu Kontakt der Teilnehmenden untereinander, aber auch mit sich selbst, den eigenen Vorurteilen, Bewertungen, Interpretationen.

Vielleicht könen wir also im Grunde jeder Person und jeder Situation dankbar sein, von der wir sagen können: „Das / der / die bringt mich an meine Grenze“. Denn so hab ich Gelegenheit, etwas zu erfahren – über den Anderen und über mich selbst.  Jedes An-die-Grenze-stoßen bietet die Chance, sich zu fragen: Will ich diese Grenze wahren oder überschreiten? Ist sie noch gut für mich oder vielleicht überholt?

Grenzen bieten Schutz und Halt, aber sie sind auch Berührungs- und mitunter Reibungspunkte. Da uns viele gar nicht bewusst sind, bevor sie berührt oder übertreten werden, ist das Wahrnehmen der Grenze natürlich immer der erste Schritt und die Voraussetzung für Veränderung – Veränderung der Grenze oder der eigenen Haltung dazu.

Zum Schluss – auch auf die Gefahr hin, dass ich durch die Länge dieses Beitrags die Grenze der Geduld des Einen oder der Anderen bereits überschritten habe – noch ein Auszug aus Ingeborg Bachmanns Rede „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, die sie anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises für Kriegsblinde am 17.03.1959 hielt:

„Nun steckt aber in jedem Fall, auch im alltäglichsten von Liebe, der Grenzfall, den wir, bei näherem Zusehen, erblicken können und vielleicht uns bemühen sollten, zu erblicken. Denn bei allem, was wir tun, denken und fühlen, möchten wir manchmal bis zum Äußersten gehen. Der Wunsch wird in uns wach, die Grenzen zu überschreiten, die uns gesetzt sind. Nicht um mich zu widerrufen, sondern um es deutlicher zu ergänzen, möchte ich sagen: Es ist auch mir gewiß, daß wir in der Ordnung bleiben müssen, daß es den Austritt aus der Gesellschaft nicht gibt und wir uns an einander prüfen müssen. Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten. Daß wir es erzeugen, dieses Spannungsverhältnis, an dem wir wachsen, darauf, meine ich, kommt es an; daß wir uns orientieren an einem Ziel, das freilich, wenn wir uns nähern, sich noch einmal entfernt“

Ich wünsche Ihnen vielfältige Begegnungen an Ihren Grenzen und spannende Erweiterungen Ihrer Möglichkeiten!

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